Leseprobe-Pirol


3 Leseproben aus "Der Lockruf des Pirols oder ein September in Leben des Julius Wondraschek" von Wilhelm R. Vogel.


Julius kommt vom Begräbnis seines besten Freundes. Er sucht Trost bei seiner Freundin Maria, die im Zoologischen Institut arbeitet.  Maria bringt ihn auf die Idee, selbstständig zu recherchieren. 


Wie meistens fand er Maria im Exotarium. Das Exotarium war eine Art Wintergarten, jedoch mit dem Unterschied, dass man nichts unversucht gelassen hatte, um das Klima unangenehm zu gestalten. Beinahe 100 Prozent Luftfeuchtigkeit und mindestens 25 Grad Lufttemperatur sorgten für tropische Bedingungen. Erschöpft vom Stiegensteigen ließ er sich in einen Fauteuil sinken und sah Maria zu, wie sie mit ihren weinroten, hochgesteckten Haaren und im weißen Arbeitsmantel die Käfige kontrollierte. Diese waren zu hohen Türmen gestapelt, zwischen denen sie wie in den Häuserschluchten einer Großstadt umherging. In den Wohnungen dieser Großstadt lebten Spinnen unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Aussehens. Aber auch außerhalb der Käfige bewegten sich viele dieser Tiere, was niemanden zu stören schien. Selbst in den weiter entfernten Gängen des Biozentrums hatte Julius gelegentlich Zebraspinnen gesehen, die – kinderhandtellergroß – unbewegt an der Decke klebten und dort auf irgendetwas warteten. Auf ebenfalls entflohene Heimchen vielleicht, die man niemals sehen, aber deren einsame Gesänge man im ganzen Gebäude hören konnte? Innerhalb des Exotariums waren es die Vogelspinnen, die ihn am meisten beeindruckten. Von der Größe der Hand eines Erwachsenen, voll von Haaren, mit einer Unzahl von Augen und mit ihren beiden Giftklauen saßen sie unbewegt in dunklen Nischen oder zogen mit berechnender Langsamkeit ihre Bahnen durch den Raum. Auch andere Tiere belebten diese urbane Wildnis. Große dunkle Schaben etwa, daumengroß und mit ebenso langen Fühlern, welche zaghaft bewegt aus Ritzen und Spalten herauslugten, ohne dass man von dem Tier selbst etwas sehen konnte, dominierten diese Welt der Futtertiere, in der nur die besonders Vorsichtigen eine Chance auf ein kurzes Überleben hatten. Das Zirpen von Heimchen erfüllte den Raum und überall standen Schälchen mit Mehlwürmern herum, jenen faden und – laut Maria – vitaminarmen Larven des Mehlkäfers, deren einziger Lebenszweck es war, gefressen zu werden.

Sobald Julius wieder halbwegs bei Atem war, löste er den Knoten der schwarzen Krawatte, zog das Sakko aus und krempelte die Hemdärmel hoch. Sein Hemd klebte ihm am Körper und die feuchten Haare seines bereits recht schütteren Haarkranzes standen in alle Richtungen. Das war ein Klima für Spinnen, nicht für Menschen. Wie Maria das aushielt?

Endlich war Maria mit den Spinnen fertig, kam zu ihm herüber und umarmte ihn so heftig, dass ihm fast die Luft wegblieb. Sie war nur wenig jünger als er, hatte seine Größe, war aber mit knapp hundert Kilo deutlich leichter, machte seit Jahren konsequent Krafttraining gegen eine niemals diagnostizierte Osteoporose und war stets voller Energie und Leidenschaft. Julius sah ihr zu, wie sie auf dem zweiten, ebenfalls schon sehr zerschlissenen Fauteuil Platz nahm, den vor vielen Jahren jemand daheim als viel zu hässlich ausgemustert haben musste, und der als Ausstattung eines Universitätsinstitutes noch lange gut genug sein würde.

„Na Julius, wie war es beim Begräbnis?“, fragte sie.

Er brauchte ein wenig Zeit, um aus dem Gespinst leidenschaftlicher Zuneigung, das sich beim Betrachten Marias wie eine Decke über sein Denken gelegt hatte, herauszufinden.

„Nicht so gut, Begräbnisse sind nicht meine Stärke, obwohl sie altersbedingt in meiner Umgebung zunehmen. Außerdem macht mich der Tod von Sebastian nachdenklich. Mehr als notwendig, wahrscheinlich.“

„Du glaubst nicht an Selbstmord?“

„Nein, ich habe es versucht mir vorzustellen, aber es gelingt nicht!“

„Kann es ein Unfall gewesen sein?“

„Das kann ich mir genauso wenig vorstellen.“

„Und Mord?“

„Eigentlich auch nicht, aber wenn ich alles andere ausschließe, bleibt sonst nichts übrig.“

„Und was wirst du tun?“

„Was kann ich tun? Den Commissario spielen und den Täter vor Gericht bringen?“

„Genau, und mir berichtest du regelmäßig von den Ergebnissen deiner Recherche!“

„Maria, ich bin ein Verwaltungsbeamter, der sogar für seinen Schreibtischjob zu alt ist“, widersprach Julius missmutig. Verbrecher zu jagen passte überhaupt nicht in das Bild, welches er von sich hatte. Aber Maria sah das anders.

„Du bist klug, hast Erfahrung mit Menschen, du bist tapfer und du hast Zeit.“

„Klug, mag sein, ich habe eine Menge Bildung in mich hineingestopft. Erfahren ja, aber nicht in Polizeidingen. Anders als du lese ich nicht einmal Krimis. Was die Zeit betrifft, hast du natürlich Recht. Aber wie kommst du auf tapfer?“

„Sicher! In den Augen der meisten Menschen bist du gerade dabei, eine Heldentat zu begehen!“ Maria sah ihn belustigt an. „Was glaubst du eigentlich, wie viele Menschen an deiner Stelle jetzt schreiend davonlaufen würden? Du bekommst nämlich Besuch!“

Eine große Vogelspinne näherte sich seiner Hand. Julius hatte ziemlich lange gebraucht, um sich an dieses Gefühl zu gewöhnen. Aber irgendwann hatte es eine Zeit gegeben, in der er alles getan hätte, um Marias Zuneigung und Anerkennung zu erlangen. In dieser Zeit wäre er auch nackt in eine Grube voll mit Klapperschlangen gestiegen und vermutlich täte er es immer noch. Die Spinne ertastete mit ihren langen Vorderbeinen sein Handgelenk, verweilte kurz in dieser Stellung und bestieg schließlich mit allen acht Beinen seinen Unterarm. Trotz aller Gewöhnung fühlte er eine gewisse Erleichterung, als das Tier wieder von ihm abließ.

Maria hatte Sebastian nie getroffen. Sebastian war hochgradig arachnophob gewesen und der Gedanke, dass sich in irgendeiner Falte ihres Gewandes eine Spinne verborgen halten könnte, wäre ihm unerträglich gewesen.



Julius Wondraschek geht gerne ins Kaffeehaus. Er ist Naturwissenschaftler und hat so seine Probleme mit den leichtgläubigen Zeitgenossen. Auch mit seiner Ex-Frau Mathilda, welche allen esoterischen Theorien gegenüber sehr aufgeschlossen war, hatte er deshalb öfter Streit gehabt. Aber das ist lange her. 


Am Abend traf er sich mit Maria im Café Prückel. Er hatte erwartet, sie wie üblich lesend mit einem Stapel Zeitungen vor sich vorzufinden, aber stattdessen diskutierte sie aufgeregt, und wie es schien ungewöhnlich zornig mit zwei jungen Menschen am Nebentisch. Kurz setzte sie Julius ins Bild. Ein Mann in mittleren Jahren versuchte, offensichtlich erfolgreich, eines jener Geräte zu verkaufen, welches damals auch Mathilda unbedingt hatte haben wollen, das, einfach zwischen Steckdose und stromverbrauchendem Gerät montiert, Strom aus Kernkraftwerken auf Basis der Tachyonen, wie er erklärte, erkennen und zurückschicken konnte. Maria hatte damit zu argumentieren versucht, dass Strom eben Strom sei und auch bei Kernkraftwerken letztlich thermisch erzeugt würde, es also völlig ausgeschlossen wäre, die Herkunft der Elektronen zu bestimmen. Dennoch war die junge Frau am Nebentisch drauf und dran, die Bestellung zu unterschreiben. „Der Herr ist Doktor der Physik“, stellte sie Julius vor, „er kann Ihnen das sicher viel besser erklären als ich.“ Überrascht sah Julius Maria an. Sie musste schon sehr verzweifelt sein, wenn sie ihn wegen solch einer physikalischen Unsinnigkeit als Autorität präsentierte. Der Verkäufer hingegen war nicht im Geringsten beeindruckt. Offensichtlich war er Auseinandersetzungen mit Fachleuten gewohnt und wusste, dass fachliche Argumente bei der leichtgläubigen Bevölkerung letztlich nicht zählten. Julius, der sich der Diskussionen mit Mathilda noch in jedem Detail erinnerte, war sich im Klaren darüber, dass er nicht mit naturwissenschaftlichen Argumenten punkten konnte. Also lehnte er sich zurück und schloss die Augen. 
„Julius, hast du vor einzuschlafen?“ Maria wirkte genervt. 
„Nein, keineswegs, es ist nur … wie soll ich sagen?“ Und dann schwieg Julius erneut. 
Maria war schon ganz nervös geworden, als er endlich fortfuhr. „Ich will Ihnen schließlich keine Angst machen“, begann er, sich umständlich an den Verkäufer wendend. „Sehen Sie, das Konzept ist ja durchaus faszinierend, aber leider werden die Dinger in der Realität undicht.“
„Wieso undicht?“ Die junge Frau war plötzlich hellhörig geworden.
„Wenn der Elektronenschwall aus den Kernkraftwerken, wir nennen Derartiges ein nuklear generiertes Elektroleum, zurückgepresst werden soll, so gibt es, vor allem in den Zeiten mit hohem Energieverbrauch, einen Stau. Dieser wiederum bewirkt, dass eben dieses Elektroleum aus dem Zwischenstecker, manchmal aber, durch den Rückstau, auch aus anderen Steckdosen tropft. Dann haben Sie das ganze Zeug aus den Kernkraftwerken auf dem Teppichboden oder es tropft womöglich gar aus der Lampenfassung im Schlafzimmer, unsichtbar versteht sich.“
Der Verkäufer starrte ihn verwirrt an, Maria war hinter einer Zeitung verschwunden und die junge Frau war plötzlich verunsichert. „Ich muss mir das doch noch überlegen.“ Das war von ihr mehr gemurmelt als gesagt, aber auch dem Verkäufer war klar, dass aus diesem Geschäft nichts mehr werden würde. 
Kaum war die junge Frau gegangen, wandte sich der Verkäufer an Julius. „Ich habe nicht gewusst, dass es diese Probleme gibt, die Firma hat mir nichts davon gesagt.“ Julius war einen Augenblick sprachlos. Er hatte angenommen, dass der Verkäufer ein skrupelloser Mensch war, der, wie jeder klar denkende Mensch, natürlich genau wusste, dass ein derartiges Gerät nicht funktionieren konnte. Aber dieses eigenartige Exemplar von einem Verkäufer schien keine Ahnung davon zu haben, was es da eigentlich anpries. 
„Ich welcher Zeit leben wir eigentlich?“ Julius hatte diese Frage mehr an Maria als an den Verkäufer gestellt. „Alle nutzen sie, aber niemand hat mehr eine Ahnung von Physik. Das geht so weit, dass sie in irgendwelchen Filmen Laserschwerter aufeinander krachen lassen, und niemand lacht die Hersteller aus.“ Julius hob in gespielter Verzweiflung die Hände zum Himmel.
„Geht das mit den Laserschwertern etwa nicht?“, fragte der Verkäufer schüchtern.
„Nein!“ Julius hatte das fast geschrien und mehrere Gäste des renommierten Cafés drehten sich nach ihm um. Der Verkäufer verstand die Botschaft und verabschiedete sich.
„Habe ich dir schon erzählt?“, fragte Julius lauter als notwendig, als er eine halbe Stunde später mit Maria das Café verließ, „Eben wurde über den ersten Fall einer Übertragung von Computerviren auf Menschen berichtet!“ Vor dem Ausgang blieb er ein paar Sekunden stehen, um sich umzudrehen. In diesem Teil des Cafés war es deutlich leiser geworden. Ein paar Besucher grinsten ihn an, wenigsten die hatten den Scherz durchschaut. Aber einige kämpften erkennbar besorgt mit ihren Smartphones, offensichtlich um ins Internet zu gelangen und die Botschaft zu überprüfen. „Das ist aber noch streng geheim!“, sprach Julius laut und feierlich. Dann schloss er die Tür hinter sich. 
„Du hältst die Menschen für sehr blöd“, stellte Maria beim Weitergehen fest. Julius nickte zustimmend.


Oder interessieren Sie sich weniger für Physik. Das ist weiter nicht so schlimm. Im nachstehenden Text geht es um Sex (als Biologe gehe ich davon aus, dass dieses Thema ein breiteres Interesse findet). Aber keine Angst. Die Szene spielt in einem öffentlichen Verkehrsmittel, und die beiden schon etwas älteren Herrschaften wissen sich zu benehmen. Sie kommen von einer Wienerwaldwanderung zurück und waren dort zu einer Hochzeitsgesellschaft gestoßen, bei der Julius ein leichtgläubiges Pärchen etwas auf die Schaufel genommen hat. Für die Heimfahrt nehmen sie den Bus.


„Aber du glaubst doch selbst kein Wort von dem, was du sagst.“

„Natürlich nicht, aber wir könnten beide irren. Vielleicht bin ich in Wirklichkeit ein Satyr, bocksbeinig und mit einem riesigen ...“

„Bauch!“, unterbrach ihn Maria. „Das könnte immerhin einiges erklären, auch dass du in letzter Zeit hinkst, kaum dass du eine Stunde zu Fuß gegangen bist. Aber falls das doch nicht an deinem Ziegenbein liegen sollte, geliebter Faun, dann müsstest du eben etwas abnehmen. So um die hundert Kilo wären ideal für dich.“ Julius musste lächeln, das hatte er auch schon gelegentlich gedacht.

Zu ihrem Bedauern war der Bus leer und es schien, als fänden sie bei der Heimfahrt kein Opfer, welches sie, in die eine oder in die andere Richtung, bekehren konnten. Endlich stieg jemand zu. Das junge Pärchen nahm zwei Reihen hinter ihnen Platz.

Julius, der, durch die lange Wanderung durstig geworden, ebenfalls kräftig dem Wein zugesprochen hatte, ließ sich durch die beiden nicht davon abhalten, weiter an Marias Ohr zu knabbern, die das sichtlich genoss. Erst die Kommentare des jungen Paares störten die Idylle: „Sieh dir die fossilen Gruftis an, die sind doch in Wirklichkeit schon weit jenseits von Gut und Böse.“

Der Knabe war eindeutig zu weit gegangen. Julius ließ von Marias Ohr ab und Maria setzte sich betont sittsam hin und kaute an ihrer Unterlippe. Wenn sie das tat, dann war sie sauer. Sehr sauer.

„Ich habe in unserem Buch gelesen, da wären einige nette Ideen für heute Abend drinnen.“ Maria hatte das leise gesäuselt, auch wenn säuseln sonst gar nicht ihre Art war, aber sie war zweifellos laut genug gewesen, um von den beiden hinter ihnen gehört zu werden.

„Im Kamasutra?“ Julius hatte das wie beiläufig hingeworfen und Maria war, wie schon so oft, davon angetan, wie schnell er ihre Intentionen mitbekam.

„Nein, nicht im Kamasutra!“ Maria lächelte hörbar. „Nein ich meine in dem roten Buch.“

„Ach so, in dem Argen!“ Julius lehnte sich genüsslich zurück. „Sollen wir uns wieder einmal so ein junges Pärchen einladen?“

Maria schüttelte den Kopf. „Bitte nicht! Nicht schon wieder! Erinnere dich an die letzten Male, die haben einfach keine Ausdauer. Denk an ihn. Kaum hat er die Siebenschwänzige gesehen, hat er nur mehr gezappelt. Und er war noch schneller weg als sie. Ich konnte ihm nicht einmal mehr meine süßen rosa Handschellen zeigen. Aber das ist oft so: Zuerst den Mund voll nehmen, viel Larifari, aber nichts in den Lenden. Kaum geht es los, wollen sie nur mehr heim zu Mama.“

„Aber manchmal sind die Jungen gar nicht so schlecht.“

„Manchmal schon“, meinte Maria, „aber eigentlich sollte ich einmal anständig ausschlafen. Letzte Nacht bist du mindestens fünfmal über mich hergefallen, und ganz so jung bin ich auch nicht mehr“.

„Stimmt, aber als ich danach ausschlafen wollte, warst du es, die mich dreimal aufgeweckt hat, du konntest einfach nicht genug bekommen“.

„Ich war eben ziemlich gut drauf. Vielleicht hast du doch recht mit deinem jungen Pärchen, wir könnten uns zumindest einmal umsehen.“

Maria und Julius schwiegen und horchten, aber von hinten war kein Ton mehr zu hören. Die jungen Leute standen bereits bei der am weitesten entfernten Tür und erwarteten sehnlichst den nächsten Halt.

Maria küsste Julius auf das Ohrläppchen. „Nicht schlecht, die Macht der Worte“, flüsterte sie, „kaum beleidigt uns jemand, schon erfinden wir Geschichten und der Feind räumt mit schlotternden Knien und vollen Hosen das Feld.“

„Aber irgendwie hat mich das auf Ideen gebracht.“

Maria kuschelte sich zu Julius. „Aber nicht heute, ich bin müde und habe Kopfweh.“

Er sah sie an. Maria wirkte nicht besonders überzeugend. 


Und die Krimihandlung? Dafür müssen Sie das Buch selbst lesen. Hier wird nichts verraten. Zu den Büchern >